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Volkstum, Substantiv, Neutrum, ethnopolitisch, soziologisch. Seit etwa 1770 Sammelbezeichnung aller ethnisch-kulturellen Eigenarten eines Volkes, das sich über Sprache und Kultur sowie über Abstammung definiert. Heute versteht man darunter die ethnische oder nationale Identität, da der Begriff Volkstum durch den ideologisch-politischen Missbrauch durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Misskredit geriet. Beiwort ist volkstümlich.

Etymologie Bearbeiten

Volkstum ist sprachwissenschaftlich eine Zusammensetzung von Volk und -tum, wobei Letzteres ein Suffix darstellt. Eine ihm zugehörige Menschengruppe definiert sich durch ihre Volkszugehörigkeit zu ihm. Das heißt, dass das Volkstum jene Klammer darstellt, die diese Menschengruppe miteinander verbindet. Der Begriff wurde vor allem durch Johann Gottfried Herder (1744–1803) geprägt und durch dessen Schriften in die deutsche Literatur eingeführt.

Chronik Bearbeiten

1770–1810 Bearbeiten

Volkstum als ethnopolitischer Begriff kam erstmals um 1770 auf, als dieser Eingang in die deutsche Bewegung fand. Der deutsche Frühnationalismus definierte diverse Volksgruppen als eigenständige Völker, wenn diese über den aufkommenden Sprachnationalismus eine Kultur- und Nationalsprache ausgebildet hatte. Die deutsche Bewegung forderte, dass jedes Volk eine Sprache und einen Staat besitzen sollte, wobei man sich dort am Nationalstaatsprinzip orientierte. (→ Ein Volk – eine Sprache – ein Staat!)

Zu dieser Zeit war das Volkstum der Deutschen beispielsweise noch nicht so stark an der Religion gebunden, sodass sich auch Juden zu den Deutschen rechnen konnten.
Die Ablehnung der Juden erfolgte zwischen 900 und 1800 nicht aus rassischen, sondern vielmehr aus religiösen Gründen. In den folgenden neun Jahrhunderten assimilierten sich die Juden vollständig in der Mehrheitsbevölkerung, sodass sie letztendlich im 19. Jahrhundert vom Fremden- und Gastrecht, denen sie bisher untergeordnet waren, entbunden und zu Deutschen jüdischen Glaubens wurden.

1810–1900 Bearbeiten

Zur Zeit der Franzosenherrschaft (1795–1813/15) erhielt der Begriff „Volkstum“ ab 1810 einen betont nationalistischen Charakter, als Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), der als „Turnvater Jahn“ in die deutsche Geschichte eingehen sollte, ihn als Verdeutschung des fremdsprachlichen Begriffes Nationalität verwendete. In der Verbindung deutsches Volkstum wurde dieses zum politischen Schlag- und Kampfbegriff der deutschen Nationalbewegung, zum Inbegriff des Nationalismus der Deutschen.

1830 wurde der Begriff Volkstum zum Träger des ethnisch definierten Nationalismus und nun vielfach mit der Rassenfrage verbunden. In Belgien entstand beispielsweise die Flämische Frage, deren Hauptträger der flämische Nationalismus war. In den Niederlanden kam fast zeitgleich die Dietsche Bewegung auf, die dem Sprachnationalismus folgte und die Vereinigung des niederländischen Sprachgebietes forcierte.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches (1870/71) entstand mit der deutschen Nationalstaatsbildung das sogenannte Grenzland- und Auslandsdeutschtum. Die deutschnationalen Bewegungen außerhalb der deutschen Grenzen bildeten nun Anschlussbewegungen.
Zwischen 1875 und 1899/1900 wurde der Begriff Volkstum durch die aus Österreich stammende völkische bzw. deutschvölkische Bewegung pervertiert, als dieser nun bewusst mit der Rassenfrage verknüpft wurde, um Juden und andere „unliebsame Elemente“ aus dem Deutschen Volkstum zu entfernen.

1900–heute Bearbeiten

Das Deutsche Volkstum im Deutschen Reich maß sich ab 1880 nicht mehr an den Kulturleistungen vor der Reichsgründung, sondern in chauvinistischer Art und Weise an der Kolonial- und Wirtschaftsleistung des Reiches und an der Schlagkraft seiner Armeen.
Deutscher war, wer drei Generationen lang von Deutschen abstammte. Der Rassenantisemitismus blühte auf und in der Zeit 1933–1945 wurde Volkstum verfälschend mit Rasse und der NS-Ideologie gleichgesetzt, was ab 1942/43 zum Völkermord an den europäischen Juden und anderer führte.

Nach 1945 wurde in der Öffentlichkeit nicht mehr vom Volkstum, sondern vielmehr von der Identität gesprochen.

Siehe auch Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • F. A. Brockhaus: Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden und einem Atlas, Leipzig 1938, vierter Band S–Z , Eintrag „Volkstum“