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Sprachnation [ˈʃpʀaːχnaˌʦi̯oːn] sg., auch Volksnation (obsolet), Substantiv, Femininum. Soziologisch-ethnografisches Konzept des späten 18. Jahrhunderts bezüglich einer Nation, die sich auf die gemeinsame Sprache begründet.
Dieses Konzept vertrat als erstes die 1770 entstandene deutsche Bewegung. Die Zugehörigkeit zur Sprachnation definiert sich allein am objektiven Merkmal der Mutter- oder der Kultursprache. Die Sprachnation war Träger des Sprachnationalismus, der wie der wesensverwandte Kulturnationalismus überstaatlich war. Die Deutschen des 18. Jahrhunderts wurden als sogenanntes geteiltes Volk aufgefasst. Die Deutsche Nation war die Gesamtheit aller, die sich zur Deutschen Nationalsprache in Form des Neuhochdeutschen bekannten, ganz gleich, welche Abstammung sie waren oder welcher Religion sie angehörten. Damit war auch die jüdische Minderheit, die damals schon als sozial assimiliert galt, mit eingeschlossen.

Chronik Bearbeiten

1770–1842 Bearbeiten

Als im späten 18. Jahrhundert der Nationalstaatsgedanke von Frankreich auch auf Deutschland übergriff, übernahm diesen dessen Bildungselite und prägten die Formel, dass die Volksgrenze (identisch mit der Sprachgrenze) auch die Staatsgrenze bilden sollte. Diese Art von Nationalstaatsprinzip folgte der vereinfachten Formel Eine Sprache – ein Volk – ein Staat. Doch real ließ sich diese Forderung im damaligen Reich nicht umsetzen. Zum einen, weil die Nationalstaatsbildung in den benachbarten Niederlanden noch nicht gänzlich abgeschlossen und die damalige deutsch-niederländische Sprachgrenze noch mehr als schwammig war und zum anderen, weil Deutsche und Slawen (Polen, Kaschuben, Masuren) im Osten vielfach in ethnisch-sprachlicher Gemengelage lebten. So nannten die Niederländer und Flamen damals ihre Muttersprache Duytsch und ihre Dialekte standen in einem engen Kontinuum mit den benachbarten deutschen Dialekten. Der belgische Germanist und Nederlandist Jan Goossens brachte es einmal auf die griffige Formel, dass die südöstlichen niederländischen Dialekte immer deutscher und die nordwestlichen deutschen Dialekte immer niederländischer werden würden, je näher sie der politischen Grenzen zwischen den Niederlanden und Deutschland kämen.

Wie die Kultur- ist auch die Sprachnation überstaatlich aufgefasst. Sie definiert den Sprachträger als sogenanntes geteiltes Volk, da er überwiegend auf mehrere Staaten aufgeteilt lebt. Vielfach wird die hier beschriebene Nationsvariante auch mit der Volksnation gleichgesetzt. Im 19. Jahrhundert verbanden vor allem die Völkischen die Idee des Sprachnationalismus mit dem des exklusiven Nationalismus.
Gleich der Willensnation ist auch die Sprachnation vom subjektiven Willen ihrer Träger geprägt, sich in einem Nationalstaat zu vereinen. Später wurde sie von den Völkischen mit der Rasse (im Sinne der Abstammung) und Religion verbunden. Dieses sollte vor allem als Ausschlusskriterium dienen, um Juden und Zigeuner sowie wandere nationale Minderheiten auszuschließen.

Die humanistische Phase des Sprachnationalismus, und der Sprachnation als deren Träger, reichte von etwa 1770 bis 1842 und hatte in Johann Gottfried Herder seinen Begründer. Er propagierte in seinen Schriften, dass jede Sprache ein Volk bilden und jedes Volk in einen einheitlichen Staat gehören würde. (→ Eine Sprache – ein Volk – ein Staat, deutsche Bewegung)
Bisher schriftlose Sprachen begannen, aus einem ihrer Dialekte eine Nationalsprache zu entwickeln. Vor allem die slawischen Völker im späteren Österreich-Ungarn waren davon betroffen.

1842–1880 Bearbeiten

Ab 1842 begann man erstmals, die Nationalitäten- mit der Rassenfrage zu verknüpfen, als im Deutschen Bund eine frühe antisemitische Bewegung entstand. Diese erörterte durchaus kontrovers, inwieweit die jüdischen Minderheit in Deutschland zur nationalen Frage der Deutschen gehören würden. Immerhin waren diese nun den übrigen Deutschen gleichgestellt worden, sie waren deutschsprachig und hatten sich über die Jahrhunderte sozial assimiliert. (→ Deutschbewusste Juden)

Erst im späten 19. Jahrhundert erhielten sowohl Italiener (1861) als auch Deutsche (1871) ihren eigenen Nationalstaat. Damit wurden beide Völker Staatsnationen. Doch während in Italien der Nationalstaat in seiner reinsten Form darstellte, da er das ganze geschlossene italienische Sprachgebiet umfasste, war das Deutsche Reich ein Über- und Unternationalstaat, da nur etwa fünfundsechzig Prozent aller Deutschsprachigen und zahlreiche nationale Minderheiten im Reich lebten.

Die Staatsnation ist vielfach bemüht, auf ihrem Gebiet homogene Sprachgemeinschaften zu errichten. So wurde von der Bildungselite (und der Nationalbewegung) aus der Volkssprache jener Dialekt herausgefiltert, von dem diese meinte, dass er der Hauptvertreter der Sprache darstellen würde. Die heutigen slawischen Hochsprachen sind zum Beispiel als Kompromiss, als Gemisch der sogenannten Dialektstandardisierung und der gegenseitigen Sprachabgrenzung zu betrachten. Ebenfalls erschwerten bestehende Dialektkontinua die Schaffung einer nationalen Hochsprache, sofern ein Dialekt der betreffenden Volkssprache bereits schon als Dialekt der benachbarten angesehen wurde.
Nationalbewegungen sind bis heute die Hauptvertreter des Sprachnationalismus und fordern beispielsweise das Recht ein, in modernen Nationalstaaten ihre eigene Sprache frei sprechen und im Amtsverkehr mit Behörden verwenden zu dürfen. Das Recht auf Gebrauch der eigenen Sprache war den Bewegungen gleichgewichtig wie die freie Ausübung ihrer Religion.

Ähnlich wie bei den slawischen Sprachen ist auch der deutsch-niederländische Sprachnationalismus gelagert: Das Niederländische als eigenständig aufgefasste Nationalsprache existiert offiziell erst seit 1815, als sich das bisherige Duytsch der Niederländer umbenannte. Lange Zeit galt es noch als Zweig des Nieder- und als Tochtersprache des Deutschen.
Auch die deutschen und niederländischen Dialekte sind in einem engen Dialektkontinuum miteinander verbunden. Einig waren und sind sich Germanistik und Niederlandistik darüber, dass sich das Niederdeutsche mit dem Niederländisch-Niedersächsischen dialektal in den Ostniederlanden und das Niederländische sich dialektal bis an den Niederrhein fortsetzt. Gemäß der jeweiligen Kultursprache wird aber das Niederländisch-Niedersächsische heute den niederländischen und das Niederfränkische des Niederrheins den deutschen Dialekten zugerechnet.

1880–1945 Bearbeiten

In den 1880er Jahren pervertierte das Konzept der Sprachnation. Russen und Deutsche entwickelten aus ihr den Sprachchauvinismus bzw. den Sprachimperialismus. Ersterer verklärte die eigene Nationalsprache und sie wurde allgemein überhöht. So wurden die Dialektsprecher im eigenen Land diskriminiert und behauptet, sie würden mit dem Dialekt eine „falsche Form“ der Nationalsprache sprechen. Nach und nach starben beispielsweise am Niederrhein die alten Dialekte aus. Letzterer behauptete, dass sich nationale Minderheiten und andere ethnische Gruppe sprachlich-kulturell assimilieren sollten. Auch solle die offizielle Sprache möglichst von Fremdworten rein gehalten werden.
Bei den Volkszählungen des 19. Jahrhunderts nahmen die Behörden gern Bezug auf die gesprochene Sprache ihrer Wohnbevölkerung, um diese ethnisch zuordnen zu können. So ist vielfach in der Fachliteratur zu lesen, dass sich bei der Volkszählung aus dem Jahr X beispielsweise fünfundzwanzig Prozent der Betroffenen der Sprache nach als tschechisch bezeichnet hätten. Doch liegt hier auch eine große Gefahr verborgen: Wir wissen nicht, nach welcher Vorgehensweise und nach welcher Sprache hier gefragt wurde. War es die Mutter- oder die Haussprache, war es die Amts- oder Schulsprache oder gar die Kirchensprache? Das alles geht nicht aus den Fragenbögen hervor. Man geht allgemein jedoch davon aus, dass in erster Linie nach der Muttersprache gefragt wurde.

Um die Jahrhundertwende radikalisierte sich im Deutschen Reich der Sprachnationalismus infolge des Aufkommens der deutschvölkischen Bewegung, die die Sprachnation nun eng mit der Rasse ihrer Sprecher verband. Das diente ihr, die stammdeutsche Bevölkerung des Reiches von sogenannten fremdvölkischen Elementen wie Juden, Zigeuner oder Polen abgrenzen zu können; aus dem Sprachnationalismus wurde nun ein exklusiver Nationalismus. Die Deutschvölkischen hatten ihre Wurzeln in den deutschen Siedlungsgebieten der Österreichischen Reichshälfte (Deutschösterreich) und griffen von dort aus ins übrige deutsche Sprachgebiet über. Besonders erfolgreich wurden sie jedoch im Deutschen Reich.
In Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich entstanden nun sozial-politische Bewegungen, die sich entweder für den politischen Antisemitismus oder für die Rassenhygiene einsetzten. Aus den germanischen Volksstämmen der Frühzeit wurden nun die „alten Deutschen“.[1]
Die Deutschvölkischen, ihnen voran die Alldeutschen in Österreich, vertraten die Auffassung, dass das Blut der Germanen seit Jahrhunderten nicht mehr rein, sondern mit fremdvölkischen Elementen durchsetzt sei, da sich diese mit anderen Rassen vermischt hätten. Aufgrund dessen sollten die Germanen als solches, und die Deutschen insbesondere, durch sogenannte Aufnordung wieder dem germanischen Urzustand nahegebracht werden, indem man alles Undeutsche aus ihnen entfernte und dem Volkskörper eine Rassentrennung anempfahl.

Der Rassenantisemitismus in Verbindung mit dem radikalisierten Sprachnationalismus schuf den Rassennationalismus, der das Konzept der Sprach- und Kulturnation zur Folge hatte: Der ursprünglich apolitische Sprachnationalismus wurde nun mit dem Kulturnationalismus und der Abstammungslinie seiner Träger verbunden. Im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn entstand so das alldeutsche Konzept der Deutschen Sprach- und Kulturnation, das auch in Übersee lebenden deutschen Minderheiten erlaubte, sich in ihren Heimatländern zum Deutschtum bekennen und diesen ein Rückkehrrecht in die Länder ihrer Vorfahren garantieren sollte.

In den 1920er Jahren übernahm der Nationalsozialismus den deutschvölkischen Rassegedanken und baute diesen weiter aus. Die im Ursprung liberale Sprachnation wurde zur Volksnation, zur Volksgemeinschaft, die ideologisch mit der menschenverachtenden Politik der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verbunden wurde und dadurch in Misskredit geriet. Dieser Zustand endete im Mai 1945.

1945–heute Bearbeiten

Am 8. Mai 1945 endete de facto der II. Weltkrieg. Von den damaligen deutschsprachigen Staaten wurde nun Abstand von der klassischen Sprachnation genommen. Heute definieren sie sich als Kulturnationen und bis dato hält nur das heutige Deutschland am – in den Augen der politischen Linken – „völkischen Konzept“ der Sprach- und Kulturnation fest. Das ist ein Erbe der alten Bundesrepublik Deutschland, die 1949 dieses Konzept aufrecht erhielt, um den deutschen Minderheiten in Osteuropa ein Rückkehrrecht nach Deutschland zu ermöglichen; Gebietsansprüche gegenüber anderen Staaten erhebt Deutschland jedoch nicht.
Relikte des deutschen Sprachimperialismus sind jedoch bei manchen Deutschen noch durchaus vorhanden, da sie Niederländisch noch heute als „Fortsetzung des niederdeutschen Sprachraumes“ definieren und dieses als Teil des Deutschen betrachten.
Diese Auffassung ist jedoch eine Fehlinterpretation der Völkischen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der sich auch eine Zeitlang niederländische Ethnologen und Sprachwissenschaftler anschlossen: Diese erklärten das deutsche Niederrheingebiet im Zuge ihres Sprachnationalismus zum niederländischen Sprachgebiet. Das geschah aus zwei Gründen: Zum einen ist das Niederrheinische als Variante des Niederfränkischen eng mit dem Niederländischen verwandt, zum anderen war Niederländisch vor allem zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert die vorherrschende Schreib- und Lesesprache am Niederrhein.

Siehe auch Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

Fußnoten Bearbeiten

  1. Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, Kapitel „XXXIV Zauber“, S. 393, Googlebooks, abgerufen am 27. April 2018