FANDOM


Sprachenkampf, politisches Schlagwort aus dem 19. Jahrhundert. Es beschreibt das Streben zweier Sprachen um die politische Vorherrschaft in einer Region oder eines Staates. Der Begriff ist eine Erscheinung des Nationalismus.

Geschichte Bearbeiten

Vorgeschichte Bearbeiten

Die Geschichte des sogenannten Sprachenkampfes beginnt im deutschsprachigen Gebiet Europas im 15. Jahrhundert. In diesem Jahrhundert beginnt innerhalb der niederdeutschen Sprache die sogenannte Kölner Expansion. Diese hatte zur Folge, dass sich innerhalb dieser Sprachregion Deutschlands das sich auf mitteldeutschen Sprachstufen befindliche Ripuarische immer mehr nach Nordwesten ausbreitete. In den katholischen Klöstern des Erzbistum Köln trat diese Sprachvariante als neue Schreibsprache hervor. So entstanden im heutigen Limburgischen und in den bergischen Dialekten neue Ausgleichssprachen, die nun eine Übergangsfunktion zwischen dem alten niederfränkischen Sprachbereich und dem Mitteldeutschen darstellen. Ein großer Teil der Klöster verweigerte jedoch die Übernahme des Ripuarischen und schrieben weiterhin im althergebrachten heimatlichen Dialekt. Diese Auseinandersetzung spiegelt die Auseinandersetzung zweier verwandter Sprachen dar und hatte im Wesentlichen keine größeren Folgen, da diese keinem ausgesprochenen Nationalismus folgte.

Der Sprachenkampf am Niederrhein Bearbeiten

Ein neuer sprachlicher Konflikt entstand im Laufe des 16. Jahrhunderts am Niederrhein. Nach dem Köln 1544 das moderne Luther-Deutsch für seinen Machtbereich eingeführt hatte, entstand langsam eine deutsch-niederländische Sprachgrenze im nordwestlichen Deutschland. Der Niederrhein war seit Jahrhunderten niederländischsprachig und gehörte einst zum Geltungsbereich des Mittelniederländischen. Nun drang mit dem Luther-Deutsch eine moderne Variante einer gemeinsamen Schriftsprache vor. Doch dessen Einfluss endete vor den politischen Grenzen des habsburgischen Machtbereiches. Im 17. Jahrhundert wurden am Niederrhein die Grenzen neu gezogen. So wurde ein großer Teil an das Königreich Preußen angegliedert, welches sogleich die moderne deutsche Standardsprache als Verwaltungssprache einführte. Daneben wurde in weiten Gebieten weiterhin das Niederländische verwendet. Die Maas bildete sich langsam zur Sprachgrenze zwischen beiden Sprachen aus. Rechts von ihr wurde überwiegend Deutsch, links von ihr das Niederländische verwendet. Das Niederrheingebiet war in diesem Zeitpunkt also als zweisprachig anzusehen. Dieser Sprachenkampf dauerte bis ins 19. Jahrhundert an. 1871 wurde mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches das Deutsche als alleinige Standardsprache durchgesetzt und das Niederländische in der Region wurde systematisch zurückgedrängt. Ab 1900 konnte das Gebiet durchweg als einsprachig bezeichnet werden. Letzte Reste des Niederländischen wurden 1937 von den Nationalsozialisten beseitigt und ein Gebrauch desselben verboten.[1]

Sprachsituation in den Habsburgischen und den Vereinigten Niederlanden Bearbeiten

Während am Niederrhein sich die Hochsprachen Niederländisch und Deutsch gegenüberstanden, bestand in den Habsburgischen Niederlanden ein Gegensatz zwischen dem Niederländischen auf der einen und dem Französischen auf der anderen Seite. Das Gebiet zählte zum Niederländischen Sprachgebiet. Verwaltungs- und Amtssprache waren jedoch seit der Zugehörigkeit zum ehemaligen Burgund (1363-1477) Französisch. So waren weite Teile des Adels und des Bürgertums frankofon. Dieser Zustand änderte sich auch nicht, als das Gebiet an die spanische Linie der Habsburger und später an die "deutsche" Linie fiel. Zwischen den Jahren 1795 und 1801 wurde das Gebiet von Frankreich annektiert, welches sofort den Gebrauch des Französischen anordneten. Das niederländische Sprachgebiet in der Batavischen Republik war bis 1810 nicht betroffen. Dieses war seit 1648 unabhängig und hatte mit dem Niederländischen eine vom Deutschen unabhängige Sprache geschaffen.

1801 annektierte Frankreich das gesamte linksrheinische Gebiet und dehnte seinen Machtbereich bis 1810 bis an die Elbe aus. Damit verschwanden sowohl die deutschen Kleinstaaten links des Rheins als auch die Batavische Republik von der politischen Landkarte. Im französischen Machtbereich wurde nun das Französische als Standardsprache festgesetzt. 1806 ging das Heilige Römische Reich unter und an seiner Stelle trat der Deutsche Rheinbund. Der Adel und das Bürgertum in diesem waren seit geraumer Zeit ausgesprochen frankofon eingestellt. Nur das sogenannte "einfache Volk" sprach deutsche und niederländische Dialekte.

1815 wurden alle Erwerbungen Frankreichs rückgängig gemacht und der politische Zustand vor dem Jahr 1795 wieder hergestellt. Im deutschsprachigeen Bereich wurde der Deutsche Bund gegründet, dessen offizielle Sprache die deutsche Standardsprache wurde. Im niederländischen Sprachbereich wurde das Vereinigte Königreich der Niederlande gegründet, welches nun aus den Staatsgebieten der ehemaligen Batavischen Republik und der einstigen Habsburgischen Niederlande bestand. Der König dieses Vereinigten Königreiches war auch Bundesfürst im Deutschen Bund, da er als Herzog von Luxemburg im "Deutschen Bundestag" vertreten war. Staatssprachen in den Vereinigten Niederlande waren Französisch und Niederländisch. Gleichberechtigte regionale Amtssprache für die rund 250.000 Deutschsprachigen wurde das Deutsche. Ab 1830 wurde dort begonnen, das Französische gezielt zu verdrängen und durch das Niederländische zu ersetzen.

Sprachenkampf in Belgien Bearbeiten

Gegen die Einführung des Niederländischen als alleinige Staatssprache begannen sich 1830 die katholischen Flamen und Wallonen aufzulehnen. Es begann die sogenannte Belgische Revolution, die auch von Frankreich unterstützt wurde. Die Flamen und Wallonen riefen das Königreich Belgien aus, dass erst 1839 vom niederländischen König anerkannt wurde. Im Zuge von Grenzkorrekturen wurde die Stadt Maastricht, welche sich links der Maas befand und Belgien angehören wollte, sowie die rechtsgelegenen Gebietsteile des Herzogtum Limburg den Niederlanden zugeteilt. (Siehe auch Deutsch-Limburg und Deutsch-Limburger.)

Die Gebietsteile Limburgs links der Maas wurde als sogenanntes Vlaams Limburg Belgien zuerkannt. Daneben erhielt das neue Königreich auch den westlichen und französischsprachigen Teil Luxemburgs, das als "Welsch-Luxemburg" nur eine bedeutend kleine deutschsprachige Minderheit aufzuweisen hatte. Staatssprache Belgiens wurde nun allein Französisch, obgleich die Flamen mit 68 % die Bevölkerungsmehrheit aufwies und im Osten nur noch rund 40.000 Deutsche lebten. Auch der Gebrauch des Deutschen wurde eingeschränkt, nachdem Belgien das Gros der Deutschsprachigen abgetreten hatte.

Die deutsche Minderheit Belgiens und die eng verwandten Flamen setzten sich für den Gebrauch ihrer Sprachen ein. Vor allem das Südniederländische der Flamen sollte neben Französisch Staatssprache des Staates werden. Aus dem Untergrund heraus entstand 1841 die Flämische Bewegung, die die Einführung des Niederländischen forderte. Anfänglich wurde bei den Flamen versuchsweise begonnen, aus verschiedenen flämischen Dialekten eigene Standardsprachen zu entwickeln. So entstand aus diesem Bestreben heraus das sogenannte Westhoek-Flämische. Doch da man letztendlich die Spracheinheit des Niederländischen bewahren wollte, wurde ab 1864 die Einführung des modernen Niederländischen gefordert. Über mehrere Stufen (1873, 1878 und 1883) wurde die moderne niederländische Standardsprache als zweite Nationalsprache Belgiens eingeführt. Obgleich seit 1883 beide Sprachen in Belgien gleichberechtigt waren, schwoll der Konflikt weiter. Nachdem Belgien mehrmals auseinanderzubrechen drohte, wurden 1963 Sprachgemeinschaften eingeführt. In diesen sollte eine der beiden Sprachen verbindlich als Amtssprache festgeschrieben werden. So entstand die Niederländische Gemeinschaft und die Französische Gemeinschaft. Erstere bestand aus den Provinzen Westflandern, Ostflandern, Antwerpen, Flämisch-Brabant und Limburg. Letztere wurde aus den Gebieten Hennegau, Wallonisch-Brabant, Namen, Luxemburg und Lüttich gebildet. Die Hauptstadt Brüssel bildete als zweisprachige Stadt eine gesonderte Region. Das Gebiet der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens wurde der Provinz Lüttich angegliedert. Seit diesem Zeitpunkt gilt der sogenannte "Sprachenkampf" in Belgien offiziell als beigelegt.

Der Sprachenkampf im Deutschen Bund, dem Kaiserreich und in der Donaumonarchie Bearbeiten

Mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches, dessen Universalsprache de jure Lateinisch und seit dem 18. Jahrhundert de facto Französisch war, kamen in dessen Nachfolgeorganisationen Auseinandersetzungen zwischen den dortigen Sprachen. Vor allem die slawischen Völker im Osten forderten die Gleichbehandlung und -stellung ihrer Sprachen. Das heißt, die Böhmen und Polen wollte die Gleichstellung ihrer Sprachen neben dem Deutschen erreichen. Im Deutschen Bund, der 1815 an die Stelle des Römischen Reiches getreten war, war die deutsche Sprache als alleinige Verwaltungs- und Amtssprache eingeführt worden. So wurde im Westen begonnen, das verwandte Niederländische zurückzudrängen. Als 1848 im Deutschen Bund Revolutionen ausbrachen, verweigerten die Slawen an der Teilnahme an die Demokratisierung des Bundes. Stattdessen hielten sie in Prag einen eigenen Kongress ab, in dessen Folge die Slawen im Königreich Preußen, dort wohnten mehrere Millionen Polen als ethnische Minderheit in geschlossenen Siedlungsgebieten, und in der Donaumonarchie ihre politische Unabhängigkeit erlangen. Das Kaisertum Russland unterstützte diese Vorhaben und sah sich als Schutzmacht über alle Slawen. (Siehe auch Panslawismus.)

Nach 1867 wurden alle ethnischen Minderheiten in der Donaumonarchie unterdrückt. Vor allem die Ungarn begannen massiv, ethnische Minderheiten zu assimilieren. Das betraf vor allem die Deutsch-Österreicher in seinem Machtgebiet. Deutsche Volksgruppen in den slawischen Gebieten wurden ebenfalls bedrängt und gingen in der Folgezeit in den slawischen Volksgruppen auf. Deutsche wie Slawen gründeten Schutzvereine, die die jeweilige Minderheit schützen und stärken sollte.

Sprachenkämpfe im deutschen Machtbereich Bearbeiten

Für deutsche Minderheiten wurden die Vereine Verein für das Deutschtum im Ausland und der Deutsche Schulverein gebildet. Für die Belange der Polen war ab den 1920er Jahren beispielsweise der sogenannte Westmarkenverein zuständig. Einhelliges Ziel aller Sprachenkämpfe war es, im Zuge des sogenannten Nationalstaatsprinzips Nationen und Staaten möglichst in Einklang zu bringen. Dieses Prinzip wurde später von den Nationalsozialisten versucht, mit Millionenfachen Mord und Vertreibung der Slawen in seinem Machtbereich und der massiven Ansiedlung von ausgesiedelten ethnischer Deutscher durchzusetzen.

Lage heute Bearbeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden schließlich rund 16 Millionen Volksdeutsche vertrieben und in der Folgezeit umgesiedelt. Heute stimmen Volks- und Staatsgrenzen im Osten Europas weitestgehend überein. Sprachkämpfe im klassischen Sinne existieren heute nicht mehr. Vielmehr sind die Minderheiten mehrsprachig und genießen (unterschiedlich großen) Minderheitenschutz.

Siehe auch Bearbeiten

Fußnote Bearbeiten

  1. Die sogenannten Altreformierten in der Grafschaft Bentheim und in Lingen verwendeten das Niederländische bis zum Verbot in der NS-Zeit als Kirchensprache.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki